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Das Schwedische Modell – wenn du mich nicht mehr nach einem Date fragen darfst

Politische Themen sind im Escort selten. Die schöne Illusion, die ich verkaufe, wird nur allzu leicht von der harten Realität gestört. Ich habe lange überlegt, wie ich mich auf meinem Blog dazu verhalte.

Privat bin ich sehr politisch, habe meine Meinung und engagiere mich, mir fällt es schwer, als Escort da leise zu bleiben um die Leichtigkeit zu wahren, um nicht anzuecken, um niemanden zu verschrecken.
Ich merke aber immer mehr, wie es in mir brodelt und kocht. Die Zeiten für Sexworker werden schwerer, erst kam das unsägliche Prostituiertenschutzgesetzt, nun droht der nächste Schritt: Das schwedische Modell (oft auch nordisches Modell genannt).

Die Bedeutung des schwedischen Modells

Was droht, wenn das nordische Modell eingeführt wird?

Sexworker dürfen zwar ihre Arbeit weiterhin anbieten, das bleibt legal, jedoch wird der Kauf der Dienstleistung und die Unterstützung von Sexarbeitern verboten.
Du wirst mich nicht mehr nach einem Date fragen dürfen. Solltest du dabei erwischt werden, droht dir eine Strafe (inklusive Post nach Hause).

Bordelle, Clubs, Laufhäuser und Escortagenturen müssen schließen, Frauen dürfen sich nicht mehr gegenseitig unterstützen. Personen, die von den Einnahmen der Prostituierten profitieren, werden als Unterstützer und Zuhälter angesehen und bestraft.
Dateanfragen werden weniger und wer auf das Datehonorar angewiesen ist, wird gezwungenermaßen Jobs annehmen müssen, die vorher abgelehnt worden wären.
Kunden werden leichter gewalttätig, denn wenn man sowieso schon eine kriminelle Tat begeht, fällt die zweite gar nicht mehr so schwer.

Dieses Modell ist nicht harmlos und hat in allen Ländern, in denen es angewendet wurde, schlimme Folgen verursacht.
Das Modell ist eine Entmündigung aller Prostituierten und ist ein indirektes Arbeitsverbot.

Das Prostitutionsschutzgesetzt hat zum Großteil nur die Sexworker betroffen, das nordische Modell betrifft hier auch ganz klar die Kunden!
Daten wird schwieriger, teurer und gefährlicher.
Es ist Zeit, dass Kunden und Anbieter zusammenarbeiten, die Stimme erheben und versuchen das Modell aufzhalten!

Um Sexworker zu schützen, dürfen sie nicht in die Unsichtbarkeit gedrängt werden, sichtbar sein bedeutet Sicherheit.

Menschen, die in prekären Situationen stecken, haben im Sexwork eine niederschwellige Möglichkeit an Geld zu kommen, oft ist es der letzte Ausweg, soll dieser noch versperrt werden?
Wenn wir die Prostitution aus Armut heraus verhindern wollen, müssen wir die Armutsauslöser bekämpfen und dürfen nicht den letzten Strohhalm klauen.

Ich persönlich werde wahrscheinlich durch meine privilegierte Arbeitsweise als eine der letzten etwas merken, sollte das schwedische Modell durchgesetzt werden.
Ich bin mir aber meiner Sonderstellung und Luxusblase bewusst und sehe mich in der Verantwortung etwas dagegen zu unternehen, wenn ich es kann. Ich halte nichts von „nach mir die Sintflut“.

Stellungnahme des BesD zu Sexkaufverbot-Vorschlag in Deutschland: Freierbestrafung gefährdet die Sicherheit von tausenden Sexarbeiter*innen

CDU/CSU-Bundestagsfraktion überlegt Sexkaufverbot in Deutschland: Eine Stellungnahme des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Im Juni sprachen sich zwei SPD-Politikerinnen für ein Sexkaufverbot in Deutschland aus, nun zieht der Koalitionspartner CSU/CDU nach. Der stellvertretende Vorsitzende Thorsten Frei und die Sprecherin Elisabeth Winkelmeier-Becker wollen „den Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam fortführen, ohne dabei die Prostitutierten selbst zu kriminalisieren.“

Schwedisches Modell als Nährboden für Kriminalität und Ausbeutung

Das im gleichen Atemzug von ihnen geforderte Schwedische Modell (zum Teil auch als Nordisches Modell bezeichnet) ist als Mittel der Wahl denkbar ungeeignet und pervertiert jeglichen Schutzgedanken. Im Rahmen des Schwedischen Modells bleibt nur das Anbieten sexueller Dienstleistungen legal. Der Kauf dieser Dienstleistungen sowie jede Unterstützung von Sexarbeitenden, auch untereinander, wird unter Strafe gestellt. BesD-Vorstandsmitglied und Sexarbeiterin Johanna Weber sagt: „Die Freierbestrafung führt dazu, dass wir wesentlich weniger Kunden haben und somit wesentlich weniger verdienen.“

Es gibt keine Belege für eine verbesserte Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche durch das Schwedische Modell. Das Verbot von Menschenhandel, (sexueller) Ausbeutung und Zwangsprostitution ist in Deutschland bereits seit Jahren im Strafgesetzbuch verankert und Verstöße werden strafrechtlich verfolgt. Zahlreiche Studien aus den bisher betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich weisen zudem nach, dass das Schwedische Modell die Gefahr von sexueller Gewalt und Ausbeutung erhöht.

Organisationen gegen Menschenhandel warnen geschlossen vor dem Schwedischen Modell

Amnesty International ist führend im Kampf gegen Menschenhandel und Menschenrechtsverletzungen und positioniert sich aus genau diesem Grund klar gegen strafrechtliche Restriktionen wie die Freierbestrafung und für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – genau so, wie zahlreiche andere Menschenrechts-Organisationen, Sexworker-Verbände, sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS.

Elisabeth Winkelmeier-Becker spricht von selbstbestimmter Prostitution als „Ausnahme in der Praxis“ und sieht das „Frauenbild vieler Männer durch käuflichen Sex geprägt“. Thorsten Frei findet Flatrates in unserer Arbeit so „entwürdigend“, dass er dabei vergisst, dass diese durch das seit zwei Jahren in Kraft befindliche Prostituiertenschutzgesetz bereits verboten wurden. In der Anti-Trafficking Review, eine wichtige Publikation der Globalen Allianz gegen Frauenhandel (GAATW) lässt sich nachlesen, welche Schäden genau solche vereinfachten Narrative in Form von Anti-Prostitutionsmaßnahmen bereits seit Jahren anrichten.

Arbeiten des europaweiten Global Network of Sex Work Projects (NSWP) berichten, wie sogenannte privilegierte Sexarbeiter*innen von Prostitutionsgegner*innen als „Ausnahme“ gegen ihre marginalisierten Kolleg*innen ausgespielt und mundtot gemacht werden, um moralistische Agenden durchzusetzen.

Anti-Prostitutionsgesetze gefährden insbesondere migrantische Sexarbeiter*innen 

In Deutschland wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern, stellen Migrantinnen den größten Anteil an weiblichen Sexarbeiterinnen. Doch in keiner anderen Branche steht zur Diskussion, die Nachfrage nach Dienstleistungen oder Waren zu unterbinden und so Opfer von Menschenhandel in Fischerei und Seefahrt, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Pflegeberufen zu schützen.

BesD-Pressesprecherin und Sexarbeiterin Undine de Rivière hat sich in ihrem Fachbuch zum Thema Hurenbewegung und Prostitutiertenschutzgesetz intensiv mit den Fallstricken von Anti-Prostitutionsgesetzen in Europa auseinandergesetzt: „Die Rhetorik von Prostitutionsgegner*innen gaukelt einfache Lösungen für komplexe Probleme vor. Sondergesetze wie das Schwedische Modell verschärfen Stigmatisierung, entrechten Sexarbeiter*innen und gefährden die Existenzgrundlage von tausenden Menschen.“

Von Befürworter*innen des Schwedischen Modells wird fälschlicherweise immer wieder von der Entkriminalisierung von Sexarbeitenden gesprochen. Expert*innen -­ unter anderem das TAMPEP-Netzwerk, das sich seit 1993 für die Rechte von Migrant*innen in der Sexarbeit einsetzt – weisen hingegen seit Jahren darauf hin, dass das Schwedische Modell in Europa zur Diskriminierung und Entrechtung von Sexarbeiter*innen führt und damit die Verbreitung von Kriminalität erhöht. Das sinnvollste Instrument gegen sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel ist keine restriktive Gesetzgebung, sondern die Entkriminalisierung aller Aspekte einvernehmlicher Sexarbeit und die Stärkung der Rechte und des Schutzes von Sexarbeiter*innen.

Pressekontakt:

  • Johanna Weber | 0151 – 1751 – 9771
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de

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